3. Oktober


Außer mir selbst kenne ich niemanden, dem es so geht, aber ich feiere wirklich und ganz unironisch den Tag der Deutschen Einheit. Ich bin jedes Jahr wieder dankbar, dass das passiert ist.

Ich will nicht sagen, dass die Wende, so wie sie ablief, gut war – vieles war vollkommen überstürzt, unüberlegt, manches wurde mit voller kapitalistischer Absicht falsch gemacht und einigen gesellschaftlichen Problemen, mit denen wir heute kämpfen, hätte man mit einer klügeren Politik damals vorbeugen können. Damit meine ich übrigens nicht nur den Osten; ich werde auch nie das gepflegte, wohlhabende ältere Ehepaar in Düsseldorf vergessen, das mir im Dezember 1998 erklärte, was ein Kino ist und dass man im Westen ein Fest namens Weihnachten feiere. Wohlgemerkt, ich war dort auf Weihnachtskonzertreise mit dem Rundfunk-Jugendchor Wernigerode. Auch die westdeutsche Bevölkerung wurde offensichtlich während der Wende nicht gut genug integriert und informiert.

Aber dass die Wiedervereinigung kam, war für mich und mein Leben ein unglaublicher Segen.

Ich konnte nach Österreich gehen und Dirigieren studieren – ich konnte mein Studienfach frei wählen! Wie vielen Menschen in der DDR wurde ihr Beruf staatlich vorgeschrieben, und ich konnte einfach machen, was meine Talente und Neigungen sagten. Ich konnte so viele schöne Konzertreisen machen, nach Italien, Ungarn, Tschechien, zu den BBC Proms, nach New York, nach Irland.

Ich kann meine Meinung sagen, ohne dass der Nachbar meiner Kindheit meine Familie dafür denunziert. (Meine Meinung ist übrigens, dass wir das AfD-Verbotsverfahren sofort einleiten müssen.) Ich konnte sogar Studienkollegen aus Nord(!)korea Deutschunterricht geben und mit ihnen angeregt darüber diskutieren, ob der Kommunismus oder der Kapitalismus sich weltweit als System durchsetzen würde – diese Studienkollegen hingegen wurden kreidebleich, als ich ihnen einmal ein Weihnachtsgeschenk zur Adresse ihrer „WG“ brachte und feststellen musste, dass das die nordkoreanische Botschaft in Wien war und der voll bewaffnete Soldat am Tor gar nicht begeistert war. Das hätte ich sein können, ein eingeschüchterter Mensch, der im Ausland rund um die Uhr von Soldaten kontrolliert wird, hätten wir die Wende nicht gehabt.

Ich habe meinen Lebensmittelpunkt in Braunschweig gefunden, einer gemütlichen, mittelgroßen Stadt in Niedersachsen, von der aus ich relativ schnell überall in Deutschland sein kann.

Ich habe viele verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Nationen getroffen und gelernt, mich mit ihnen zu verständigen.

Als deutscher Staatsbürger kann ich theoretisch hinreisen, wo ich will. (Als Teil der LGBTQ+ Community und besonders als trans Person gibt es für mich persönlich natürlich etliche Einschränkungen – unter anderem würde ich freiwillig keinen Fuß mehr in die USA setzen, und auch zB Ungarn beäuge ich jetzt schon seit Jahren mit Vorsicht, was wirklich schade ist.)

Nichts davon wäre mir mit einem Leben in der DDR möglich gewesen, nicht einmal als Patenkind Erich Honeckers, das ich lustigerweise war. (Ich war das 5. Kind, das wurde lobend anerkannt und es gab einen Obstkorb für meine Mutter. Wir haben Erich nie gesehen.)

Ich bin DANKBAR. Wirklich wahr, ich bin unglaublich dankbar, und ich wünsche mir sehr, dass genug Menschen in unserem Land mit mir gemeinsam dankbar genug sind, um es in seiner demokratischen Schönheit erhalten zu wollen.


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