Wenn du nur einen einzigen Tipp geben dürftest, der das Leben verändert – welcher wäre das?
Ich reagiere diese Woche mal wieder auf einen Prompt –
Wenn ich nur einen einzigen Tipp geben dürfte, der das Leben verändert, wäre es dieser:
Bleib immer neugierig.
Das Leben gewinnt ganz unbeschreiblich an Qualität, wenn du immer und überall neugierig darauf bist, was als nächstes passiert. Du lernst einen Menschen kennen? Jetzt hast du die Wahl, ihn nach irgendwelchen Kriterien (Alter, Kleidung, Gewicht, angenommenes Geschlecht, Haut- oder Haarfarbe) in eine alte innere Schublade zu stecken und so zu behandeln, als würdest du ihn kennen, weil du schon andere Menschen mit Kriterium X kanntest. Oder du kannst neugierig sein, wer das wohl ist und warum. (Dasselbe gilt übrigens für Neugeborene, besonders die eigenen.)
Du gehst, wie ich diese Woche, wandern? Dann kannst du dir ein vermutlich wunderschönes Ziel suchen und den Weg dorthin ablaufen, nur um anzukommen, und am Ziel für ein Foto posen. Oder du kannst neugierig auf den Weg selbst sein. Und das lohnt sich so sehr! (Über meine Besessenheit mit Wald schreibe ich ein andermal.)
Du gehst in ein Konzert, und es ist entweder ein klassisches Konzert mit Werken, die du kennst, oder eine Coverband von irgendwem. Du kannst jetzt erwarten, dass alles so klingt wie in deiner Erinnerung an alte Aufnahmen, was nicht passieren wird, und dann ist dein Abend bestenfalls okay. Oder du kannst neugierig sein, was denn diese Künstler*innen mit der Musik anstellen, die du auch so sehr magst. Was machen sie so, wie du erwartest, und was vielleicht völlig anders? Warum könnten sie sich so entschieden haben? Dasselbe möchte ich über Regietheater sagen. Seid neugierig! Schlecht ist nur faule Regie, aber wenn eine Oper aus dem 18. Jahrhundert modern inszeniert ist, seid doch neugierig auf die Gedankengänge der Regisseurin.
Mit Neugier aufs Leben lernt man jeden Tag eine Menge Interessantes, nicht zuletzt über sich selbst, aber vor allem auch über kleine Wunder wie Klee, der aus dem Asphalt einer Großstadtstraße wächst, und über die Resilienz von Menschen, wie die beiden alten Frauen, die mir heute laut lachend erzählt haben, sie würden am liebsten richtig knallige Farben tragen, das lenke von den Falten ab, und über Demut, wie wenn man Bäume sieht, die schon zu Goethes und Heines Wanderzeit hier standen.
Kürzlich erklärte mir jemand nachdrücklich, Menschen über 50 würden sich sowieso nicht mehr ändern. Nicht nur ist das offensichtlich nicht wahr – Leute entscheiden sich so oft, in der Rente komplett den Wohnort zu wechseln; Menschen über 50 trennen sich von Partner*innen, statt zu denken ‚ach jetzt ändere ich mich auch nicht mehr’; eine über 70jährige Person aus meinem Kirchenchor hat vor zwei Monaten ihre Bachelorarbeit in Archäologie abgegeben! -, ich finde es auch richtig traurig, so zu denken. Es ist so hoffnungslos. Stell dir vor, du bist 50 und hast noch circa 30 Lebensjahre zu erwarten, und du siehst diesen Jahrzehnten entgegen in dem Glauben, veränderungsunfähig zu sein. Da ist doch der Schmerz darüber, dass nichts mehr so ist wie früher, dass man selbst nach und nach zum Anachronismus wird, dass das Leben und die Welt irgendwann einfach ohne mich weitermachen, obwohl ich noch da bin, vorprogrammiert.
Deshalb mein einer Tipp zum guten Leben: sei immer neugierig.

2 responses to “Nur ein einziger Tipp”
Wisdom Unfolded
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Dankeschön.
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